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Wem gehört eigentlich unsere Intelligenz?


Ein Gespräch mit Oliver Scheu, Geschäftsführer der Zeitgeist AG, über KI, Abhängigkeit und eine Frage, die viele Unternehmen noch gar nicht stellen.


Jonas Winter: Herr Scheu, viele Unternehmen beschäftigen sich gerade intensiv mit KI. Sie testen verschiedene Modelle, bauen Assistenten und automatisieren erste Prozesse. Eigentlich klingt das nach einer positiven Entwicklung.

Oliver Scheu: Absolut. Aber ich stelle in solchen Gesprächen inzwischen gerne eine unangenehme Frage: Wem gehört eigentlich die Intelligenz, mit der diese Unternehmen da gerade arbeiten?


Jonas Winter: Was meinen Sie damit? Die Daten gehören doch dem Unternehmen.

Oliver Scheu: Die Daten vielleicht. Aber auf welchem Modell laufen die Anwendungen? Wer entscheidet, wie dieses Modell morgen funktioniert? Wer bestimmt Preise, Zugriffsrechte, Nutzungsbedingungen oder welche Funktionen plötzlich verschwinden? Und was passiert, wenn ein Unternehmen in zwei Jahren einen relevanten Teil seiner Prozesse auf einer Plattform aufgebaut hat, deren Regeln es selbst nicht beeinflussen kann?


Jonas Winter: Das klingt jetzt ziemlich dramatisch.

Oliver Scheu: Soll es gar nicht. Aber wir reden bei KI sehr viel über Effizienz, Automatisierung und Produktivität. Viel zu selten reden wir über Abhängigkeit. Je stärker KI in Unternehmen einzieht, desto mehr wird sie zur Infrastruktur. Und Infrastruktur sollte man nie behandeln wie irgendeine App.


Jonas Winter: Aber die meisten Unternehmen können doch keine eigenen Modelle entwickeln.

Oliver Scheu: Müssen sie auch nicht. Souveränität bedeutet nicht, alles selbst zu bauen. Sie bedeutet, bewusst zu entscheiden, wo man abhängig sein will – und wo nicht.

Genau hier beginnt ein Thema, das 2026 deutlich größer wird: Sovereign AI. Dabei geht es nicht darum, amerikanische, europäische oder chinesische Anbieter pauschal gegeneinander auszuspielen. Und auch nicht darum, jede KI im eigenen Keller zu betreiben. Es geht um eine strategische Frage: Wie viel Kontrolle wollen wir über die Systeme behalten, die künftig unser Wissen verarbeiten, Entscheidungen vorbereiten und vielleicht sogar selbstständig handeln?


Jonas Winter: Unternehmen arbeiten heute auch mit Microsoft, SAP oder Salesforce. Da bestehen doch ebenfalls Abhängigkeiten.

Oliver Scheu: Natürlich. Unternehmen waren schon immer von Technologieanbietern abhängig. Der Unterschied ist nur: KI greift deutlich tiefer ein. Eine klassische Software speichert Daten oder bildet Prozesse ab. Eine KI interpretiert Informationen, verbindet Zusammenhänge, formuliert Empfehlungen und trifft zunehmend eigene Entscheidungen.

Je näher diese Systeme an das Wissen und die Entscheidungen eines Unternehmens rücken, desto wichtiger wird die Frage, wer die Kontrolle darüber hat.

„Wir reden gerade sehr viel darüber, wie intelligent unsere KI wird. Wir sollten mindestens genauso intensiv darüber reden, wem diese Intelligenz eigentlich gehört.“
Oliver Scheu, Geschäftsführer Zeitgeist AG

Jonas Winter: Was wäre denn konkret ein Risiko?

Oliver Scheu: Nehmen wir an, ein Unternehmen baut einen internen Wissensassistenten. Der kennt Produkte, Prozesse, Verträge, Erfahrungen aus Projekten und vielleicht irgendwann sogar das Wissen der besten Mitarbeiter. Damit entsteht etwas extrem Wertvolles: eine Art digitales Unternehmensgedächtnis.

Jetzt stellen Sie sich vor, dieses System funktioniert nur mit einem einzigen Anbieter. Preise steigen. Bedingungen verändern sich. Ein Modell wird abgeschaltet. Daten dürfen aus regulatorischen Gründen plötzlich nicht mehr so verarbeitet werden wie bisher. Oder die IT stellt fest, dass ein Wechsel technisch kaum noch möglich ist.

Dann hat man nicht nur ein Softwareproblem. Dann hat man ein strategisches Problem.


Jonas Winter: Also sollten Unternehmen alles offen und austauschbar bauen?

Oliver Scheu: Wo es sinnvoll ist: ja. Unternehmen sollten sich zumindest fragen, wie abhängig sie sich bei kritischen Anwendungen machen wollen. Kann ein Modell ausgetauscht werden? Können Daten exportiert werden? Sind Prozesse so aufgebaut, dass nicht die gesamte Logik an einem einzigen Anbieter hängt? Gibt es Alternativen? Welche Daten dürfen überhaupt in welches System?

Das sind keine rein technischen Fragen. Das sind Managemententscheidungen.

Und genau deshalb gehört Sovereign AI aus unserer Sicht nicht ausschließlich in die IT-Abteilung.


Jonas Winter: Ist das nicht vor allem ein Thema für Großkonzerne?

Oliver Scheu: Im Gegenteil. Gerade der Mittelstand sollte darüber nachdenken. Denn dort steckt oft enormes Wissen in wenigen Menschen, Produkten und Prozessen. Dieses Wissen ist häufig der eigentliche Wettbewerbsvorteil.

Wenn wir beginnen, dieses Wissen durch KI nutzbar zu machen, müssen wir auch darüber nachdenken, wie wir es schützen und wie wir sicherstellen, dass wir langfristig darauf zugreifen können.

Es wäre ziemlich paradox, jahrzehntelang Unternehmenswissen aufzubauen und es dann innerhalb weniger Jahre in eine technologische Abhängigkeit zu überführen, über die wir vorher kaum nachgedacht haben.


Jonas Winter: Das klingt so, als sollten Unternehmen bei KI eher vorsichtig sein.

Oliver Scheu: Nein. Genau das wäre die falsche Schlussfolgerung. Wir sollten nicht vorsichtiger werden. Wir sollten professioneller werden.

Die Chancen von KI sind zu groß, um sie aus Angst vor Abhängigkeiten nicht zu nutzen. Aber sie sind eben auch zu groß, um wichtige Entscheidungen ausschließlich danach zu treffen, welches Tool gerade am bequemsten ist.

Souveränität bedeutet nicht, Innovation auszubremsen. Im besten Fall bedeutet sie genau das Gegenteil: Sie schafft die Grundlage dafür, KI langfristig, flexibel und mit einem guten Maß an Kontrolle einsetzen zu können.


Jonas Winter: Und was wäre die erste Frage, die ein Unternehmen sich morgen stellen sollte?

Oliver Scheu: Nicht: „Welches KI-Modell ist das beste?“


Sondern: „Welche Intelligenz wird für unser Unternehmen so wichtig, dass wir darüber die Kontrolle behalten wollen?“


Denn vermutlich werden Unternehmen in Zukunft nicht mehr nur Maschinen, Software und Daten besitzen. Sie werden auch eine eigene Form von digitaler Intelligenz aufbauen – gespeist aus ihren Daten, ihren Erfahrungen, ihren Prozessen und ihrem Wissen.

Und genau deshalb wird die Frage nach Eigentum, Kontrolle und Abhängigkeit immer wichtiger.

Vielleicht gehört uns die KI selbst am Ende gar nicht. Aber wir sollten zumindest dafür sorgen, dass unsere unternehmerische Intelligenz auch wirklich unsere bleibt.

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