Der größte Denkfehler bei KI im Handwerk
Ein Interview mit Oliver Scheu, Founder der KIWI Group, CEO Zeitgeist
Gesprächspartner: Journalist Daniel Weber
Oliver, du arbeitest viel mit mittelständischen Unternehmen und Handwerksbetrieben. Wie schätzt du den aktuellen Umgang mit KI ein?
Oliver Scheu:
Viele Betriebe unterschätzen KI nicht, sie schätzen sie falsch ein.
Entweder sie halten sie für zu komplex oder für etwas, das erst in ein paar Jahren relevant wird. Beides ist problematisch, weil die eigentlichen Potenziale längst im Alltag liegen.
Daniel Weber:
Woran liegt diese Fehleinschätzung?
Oliver Scheu:
KI wird oft viel zu groß gedacht. Viele glauben, sie müssten erst komplett digitalisiert sein oder große Investitionen tätigen, damit sich der Einsatz lohnt.
In der Realität ist es genau umgekehrt. Gerade im Handwerk, wo viele Prozesse noch manuell laufen, entstehen die größten Hebel. KI wirkt nicht dort, wo alles perfekt ist, sondern dort, wo heute Zeit verloren geht.
Daniel Weber:
Das heißt, der Einstieg ist einfacher als viele denken?
Oliver Scheu:
Absolut. Der größte Fehler ist, KI als Technologieprojekt zu betrachten. Dann geht es sofort um Tools, Systeme und Plattformen.
Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer. Es geht nicht darum, welche KI man einsetzt. Es geht darum, welches Problem man löst. Wer diesen Fokus nicht hat, verliert sich sehr schnell in Möglichkeiten statt in Ergebnissen.
Daniel Weber:
Wo liegen aus deiner Sicht die größten ungenutzten Potenziale?
Oliver Scheu:
Direkt im eigenen Betrieb. Und das ist der spannende Teil.
In der Angebotserstellung, in der Kommunikation mit Kunden, in der Dokumentation auf der Baustelle oder in internen Abläufen. Das sind alles Bereiche, die täglich Zeit kosten und oft als selbstverständlich wahrgenommen werden.
Genau deshalb werden sie nicht hinterfragt. Und genau deshalb bleiben sie ungenutzt.
Daniel Weber:
Viele Unternehmen warten noch ab. Ist das aus deiner Sicht sinnvoll?
Oliver Scheu:
Nein. Das Abwarten ist einer der größten Fehler, den ich aktuell sehe.
Viele sagen, sie müssten erst ihre Prozesse optimieren oder ihre Systeme aufbauen, bevor sie sich mit KI beschäftigen. In der Praxis ist es genau andersherum. KI hilft dabei, Prozesse überhaupt erst sauber zu strukturieren.
Wer wartet, verliert nicht nur Zeit, sondern auch Momentum. Und das ist im aktuellen Marktumfeld entscheidend.
Daniel Weber:
Es gibt auch viele Bedenken, gerade im Handwerk. Wie gehst du damit um?
Oliver Scheu:
Das ist völlig verständlich. Themen wie Kontrolle, Qualität oder Veränderung spielen eine große Rolle.
Was viele aber überrascht: KI ersetzt in den meisten Fällen keine Menschen. Sie entlastet. Sie nimmt repetitive Aufgaben ab, schafft Struktur und gibt Orientierung.
Das Risiko liegt nicht im Einsatz von KI.
Das Risiko liegt darin, nicht anzufangen.
Daniel Weber:
Was würdest du einem Handwerksbetrieb konkret empfehlen, der sich dem Thema annähern will?
Oliver Scheu:
Nicht zu groß denken. Nicht zu lange planen. Sondern anfangen.
Der richtige Einstieg ist nicht die große Strategie, sondern ein konkreter Anwendungsfall. Ein Prozess, der heute Zeit kostet. Ein Ablauf, der ineffizient ist.
Wenn dort erste Quick Wins entstehen, verändert sich die Perspektive automatisch. Dann wird aus Skepsis Interesse und aus Interesse wird Umsetzung.
Daniel Weber:
Was ist dein Fazit für 2026?
Oliver Scheu:
KI ist kein Zukunftsthema mehr. Sie ist ein Werkzeug, das heute bereits konkret eingesetzt werden kann.
Die meisten Betriebe unterschätzen nicht die Technologie, sondern ihre eigenen Möglichkeiten. Wer beginnt, verschafft sich einen klaren Vorteil.
Und wer wartet, wird früher oder später reagieren müssen.